Natur und Umwelt verstehen

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Eichhörnchen – eine der ältesten Säugetierarten der Welt

Wer sich im Frühjahr ganz ruhig am Waldrand unter einen Baum setzt, sich Zeit nimmt und geduldig lauscht, kann Zeuge eines reizenden Schauspiels werden. Es raschelt und knistert, klopft und fiept, dann huscht in Windeseile ein rotbraunes Fellbündel über die Äste. Ein zweites folgt. Von Baum zu Baum tobt die ausgelassene Verfolgungsjagd: Eichhörnchen in den Flitterwochen!

Gleich mit dem ersten Grün beginnen die putzigen Nager mit der Partnerwahl. Und wie es im Leben so ist, hat auch in dieser Gattung Frau Eichkatze das Sagen. Vielmehr noch: Auf Pfiff lässt sie heiratswillige Verehrer antreten. Ertönt nämlich dieser hohe Hochzeitsfieps, spitzen alle Eichkater in der Umgebung interessiert die Ohren – und machen sich schleunigst auf den Weg, um in die engere Auswahl zu kommen. Der Sieger des Wettbewerbs kann sich auf turbulente Wochen freuen. Im Nest wird gekuschelt und geschmust, in den Baumwipfeln Fangen gespielt und nach Leckerbissen gesucht. Dabei geht es manchmal so flink zu, dass es schwierig ist, den Flitterwöchnern mit den Augen zu folgen. Die munteren Nager schwingen sich von Ast zu Ast, wechseln im Fluge von Baum zu Baum. Messerscharfe Krallen an den winzigen Pfötchen verleihen ihnen dabei eine besondere „Fingerfertigkeit“: Ohne Probleme können sie sich sogar an Rinden festhalten, deren Oberfläche vollkommen glatt ist und keinerlei Riffelung oder andere Unebenheiten zum Greifen bietet. Und kommt es im Eifer des Spiels doch einmal vor, dass ein Eichhörnchen nach einem Sprung in großer Höhe keinen Halt mehr findet und deshalb abrutscht, hat es auch dafür einen wirksamen Trick, der vor Verletzungen schützt: Blitzschnell sträubt es die langen, buschigen Schwanzhaare und vergrößert damit im Fallen den Luftwiderstand des Schwanzes. Wie von einem Fallschirm getragen gleitet es zu Boden. Selbst Stürze aus mehr als 20 Meter Höhe werden so stark abgebremst, dass das Eichhörnchen zwar unsanft, aber schadlos unten ankommt.

Drei Wochen dauert das Flitterfest. Dann wird Vater Eichkater vor die Tür gesetzt. Die werdende Mutter Eichkatze ist der Meinung, dass der Kobel – das Nest aus Gras, Moos und Zweigen – nur noch für sie und ihre Kinder genügend Platz bietet. Außerdem möchte sie sich voll auf die Erziehung der Kleinen konzentrieren – der Vater würde dabei nur stören.

Vom Gesichtspunkt der Arterhaltung her betrachtet, hat sich dieses Verhalten auch bestens bewährt. Eichhörnchen gehören mit zu den ältesten auf der Erde lebenden Säugetierarten. In unseren Breiten turnten sie schon vor 20 Millionen Jahren von Ast zu Ast, als durch die sumpfige Urlandschaft am Boden noch gefährliche Säbelzahnkatzen, Bärenhunde und Riesen-Nashörner streiften. Die Säbelzahnkatzen und Bärenhunde sind heute ausgestorben, Nashörner gibt es nur noch auf anderen Kontinenten. Eichhörnchen jedoch haben überlebt und toben nach wie vor durch’s Geäst.

Feinden, die ihnen nachstellen – zum Beispiel Baummarder, Habicht und Sperber – können sie dank ihrer Kletterkünste leicht entkommen. Aber auch am Boden sind Eichhörnchen nicht hilflos. Mit ihren flinken Füßchen können sie kurzzeitig eine Sprintgeschwindigkeit von bis zu 90 Stundenkilometer erreichen.

Bei der Nahrungssuche gehen Eichhörnchen äußerst geschickt vor. Sie verschmähen zwar keine Vogeleier, Ameisenpuppen und Schnecken, ihre wahre Leibspeise aber sind Nüsse und Samen, insbesondere in Fichtenzapfen. Um an die leckeren Samenkapseln hinter den Schuppen zu kommen, haben die Nager eine perfekte Technik entwickelt. Binnen drei Minuten leeren sie jeden Zapfen. Im Durchschnitt „knackt“ jedes Eichhörnchen auf diese Weise 190 Fichtenzapfen am Tag. Bietet die Natur nicht genügend Nahrung, laden sich die geschickten Nager einfach beim nächsten Vogelhäuschen ein. Selbst raffinierte Absperrungen stellen kein Hindernis dar. Das fanden Tierfilmer der BBC in London heraus, als sie testen wollten, ob es das „eichhornsichere“ Vogelhäuschen gibt. Sie sicherten die Futterplätze mit Wippen und Seilen, Klappen und Röhren – nichts konnte die Nager abhalten. Nicht einmal ein besonders gemeiner Trick brachte Erfolg: Der mit Schmierseife bestrichene Pfosten, auf dem das Vogelhäuschen stand. Die Eichhörnchen kletterten daran hoch, und rutschten ab. Immer wieder versuchten sie es und kamen auch jedesmal ein kleines Stückchen höher. Bei jedem Anlauf wurde ein bisschen mehr von der Schmierschicht abgewetzt, bis sie schließlich ganz entfernt war und die Nager nichts mehr zurückhielt. Die Tierfilmer kamen während ihrer Versuche allerdings auch zu einer verblüffenden Erkenntnis: Eichhörnchen müssen auf geheimnisvolle, noch unerforschte Weise miteinander reden. Anders ist es nicht zu erklären, dass jedesmal, wenn ein Tier einen Trick gefunden hatte, ein Hindernis zu überwinden, binnen 24 Stunden auch alle anderen Eichhörnchen der Umgebung wussten, wie es funktioniert.

Ihr gesammeltes, zum Überleben wichtiges Wissen wird Mutter Eichkätzchen ihren Kindern während der Erziehung weitergeben. Drei bis sieben kleine Nager sind es, mit denen sie ihr Nest teilt. Sie kommen nackt und blind zur Welt, entwickeln sich binnen drei bis vier Wochen zur halbwüchsigen Nagerbande und verlassen im Alter von acht Wochen als junge Erwachsene den Kobel. Das ist wohl auch der Trost, weshalb Vater Eichkater der Rausschmiss aus dem Liebesnest nach den Flitterwochen nicht zu sehr grämt. Sobald der erste Wurf erwachsen ist, geht es in die nächste Runde. Zwei- bis fünfmal pro Jahr kommen Eichhörnchenbabys zur Welt, die letzten im August. Da hat der Wohnungsverweis auch etwas Gutes an sich: Nervende Kindererziehung, besonders wenn die Kleinen im Quengelalter sind, bleibt Vater Eichkater erspart.

CEVAP VER

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